GEFALLENE ENGEL | GIRLS DRIVE | DAS KARRIEREMAGAZIN FUR STUDENTINNEN MIT DRIVE
Gefallene Engel

GEFALLENE ENGEL

Sep 2 • Allgemein, BLOG, GESELLSCHAFT, GIRLS DRIVE WORLD • 2645 Views • Keine Kommentare zu GEFALLENE ENGEL

Manchmal  ist  das  Leben zuckersüss und wir fliegen auf einer Welle des Glücks .

Durch die Medien erfahren wir häufig nur die prächtigen Erfolgsbeispiele. Warum sonst wollen so viele Jugendliche fest überzeugt ins vermeintlich glamouröse Showbusiness einsteigen?Manchmal ist das Leben zuckersüss und wir fliegen auf einer Welle des Glücks. Doch genauso oft fallen wir durch alle Wolken in die Tiefe der Verzweiflung, wenn wir bei einem Vorhaben scheitern. Jeder kann versagen. Das ist menschlich. Jedoch wird das persönliche Scheitern oft in den Hörsälen oder auf den WG-Partys elegant ausgeklammert, wer möchte schon mit seinen eigenen Misserfolgen prahlen? Girls Drive wollte es genau wissen: Was bedeutet es, im Studium zu versagen, und wie geht man am besten damit um? Und bei unseren Recherchen wurde schnell klar – ein gefallener Engel ist ein starker Engel. Executive und Business Coach Christina Kuenzle, die internationale Top-Executives berät, verriet uns, weshalb uns Misserfolge „seelische Muskeln“ verleihen und wie wir unsere Chancen auf Erfolg erhöhen können. Christina Kuenzle ist die Gründerin von choice ltd, einem Coachingunternehmen, welches Führungskräften hilft, in jeder Veränderung des Lebens eine neue Chance zu sehen.

 

Warum wir unsere Erfolgswahrscheinlichkeit überschätzen
Durch die Medien erfahren wir häufig nur die prächtigen Erfolgsbeispiele. Warum sonst wollen so viele Jugendliche fest überzeugt ins vermeintlich glamouröse Showbusiness einsteigen? Weil die Medien oft über die berühmten und erfolgreichen Künstler berichten, sie hochpreisen. Dabei besteht die Wahrscheinlichkeit, langfristig berühmt zu werden, nahezu bei null. Und über die tausend gescheiterten Möchtegernstars wird geschwiegen. Dasselbe Problem haben wir mit den boomenden Erfolgsbüchern, in denen Unternehmer Anleitungen zum Erklimmen der Karriereleiter geben. Doch habt ihr schon einmal ein Buch vom Versagen gelesen? Misserfolge werden in die dunkle Kammer geschoben und weitgehend ignoriert. Schon alleine Google zeigt eine Tendenz in diese Richtung: Während beim Suchbegriff „Erfolg“ 110’000’000 Suchresultate erscheinen, kommen bei „Misserfolg“ vergleichsweise wenig Resultate, nämlich 1’570’000. Wird Erfolg also konsequent überbewertet? Werfen wir nun einen Blick auf das Unternehmertum. Hierzulande gilt man als gebrandmarkt, wenn man ein Start-up in den Sand gesetzt hat. Im Silicon Valley hingegen ist dies nicht weiter tragisch, man ist sogar umso erfolgreicher, wenn man schon einmal gescheitert ist. Da hatte wohl Vincent van Gogh ganz recht, als er sagte: „Das Gelingen ist manchmal das Endresultat einer ganzen Reihe missglückter Versuche.“ Auch bei einem der grössten Erfinder der Menschheit klappte nicht alles auf Anhieb, er hatte sogar viele tausende Versuche gebraucht. Die Rede ist von Thomas Edison, dem wir die elektrische Glühbirne verdanken. Der Geschichte nach soll ihn ein Journalist einmal gefragt haben, warum er nach tausenden von Fehlversuchen nicht aufgegeben hatte. Thomas Edison antwortete: „Ich habe nicht versagt. Ich habe nur 10’000 Wege gefunden, die zu keinem Ergebnis führen.“ Misserfolge sind also nicht das Ende der Welt, sondern machen klüger. Durch jeden Misserfolg lernen wir und kommen ein Stück näher ans Ziel. Wie auch schon Henry Ford wusste: „Versagen ist eine Gelegenheit, noch einmal intelligenter anzufangen.“ Ford ging zweimal Konkurs, bis er die erfolgreiche Ford Motor Company gründete. Was es mit dieser Philosophie auf sich hat, hat Girls Drive im Gespräch mit Business und Executive Coach Christina Kuenzle versucht, für euch rauszufinden. Sie ist der Ansicht, dass Misserfolge uns nicht umbringen, sondern stärken. „Misserfolge geben uns ,seelische Muskeln‘. Rückschläge gehören einfach zum Leben, doch man soll sie nicht in die Zukunft mitnehmen, sondern hinter sich lassen“, erzählt sie uns im Gespräch in ihrem Zürcher Büro.

„Kampfplatz“ Universität
Doch was bedeutet es für Studentinnen, wenn sie an der Universität versagen? Nehmen sie es auch so locker und sehen nicht bestandene Prüfungen und Assessmentphasen als normale Bestandteile ihres Lebensweges an? Man stimmt sicherlich zu, dass Misserfolge zum Leben gehören, doch inwieweit sie es auch akzeptieren, ist fraglich. Wir wollen uns doch nichts vormachen, das Konkurrenzdenken begleitet alle von uns! Der Wettbewerb unter Studierenden ist da, auch wenn kaum jemand darüber redet. Im Gespräch mit Fabienne Schnellmann, die im sechsten Semester Wirtschaftswissenschaften in Zürich studiert, wurde die Vermutung gegenüber Girls Drive bestätigt.
„Der Konkurrenzkampf hat zugenommen. Es gibt mehr Studierende und die Durchfallquoten sind hoch. Es gibt heute kaum mehr ewige Studenten.“ Beispielsweise beträgt die Durchfallquote des Assessments laut dem Psychologischen Institut Zürich im Psychologiestudium 50%. Die Zeitschrift des Fachvereins Ökonomie veröffentlichte kürzlich die neusten Erfolgsquoten der Assessmentprüfungen im Frühjahrssemester 2012: Gut 70% der Wirtschaftsstudenten bestehen. Der Kampf um die besten Zukunftschancen ist härter geworden. Sicher hat auch das Bologna-System eine stärkere Arbeitsbelastung für die Studierenden gebracht. Es wird immer mehr von ihnen verlangt: Viele Prüfungen und ein unangenehmes Assessmentjahr, wo die „Spreu vom Weizen“ getrennt wird. Die Studierenden jagen Kreditpunkten hinterher und wollen möglichst schnell mit optimaler Leistung ihr Bachelordiplom in Händen halten. Salome, Studentin sechstes Semester Biologie und Gesellschaftswissenschaft Basel, offenbart Girls Drive, dass „nicht mehr wegen den Inhalten des Studiengangs studiert wird, sondern vielmehr wegen den Punkten.“ Salome versucht aber mindestens eine Veranstaltung pro Semester zu besuchen, die wie ein „Zückerli“ ist.
Vielen Studierenden fehlt es an Motivation und sie stehen unter Dauerstress. Doch produzieren sie diesen nicht selber? Eine grosse Arbeitsbelastung entsteht erst, wenn er mit einem übertriebenen Anspruch an Perfektionismus gepaart ist. Indem man sich mit anderen vergleicht, wird die Belastung grösser und auch unnötiger. Viele Studierende setzen sich aus Angst selber unter enormen Druck. Angst vor dem Versagen. Angst, schlechter zu sein als die anderen. Angst, später keinen Job zu finden. Marion Hauert, Studentin Psychologie im sechsten Semester, findet diese Entwicklung problematisch: „Man weiss, mit welcher Durchfallquote man in etwa zu rechnen hat, und dementsprechend erhöht jeder Kommilitone, der durchfällt, die eigene Chance auf ein positives Prüfungsresultat.

Ich halte es für wichtig, sich von dieser Mentalität nicht anstecken zu lassen.“ Da hat sie Recht. Inwiefern macht dieser Konkurrenzkampf noch Sinn? Christina Kuenzle erklärt gegenüber Girls Drive, wie man diesem Wettbewerb entgegensteuern kann. Für Studierende von heute sei es wichtig, dass sie ihre eigenen Grenzen kennen und respektieren. Man könne überhaupt nicht versagen, wenn man sein Bestes innerhalb seiner Voraussetzungen und Möglichkeiten gegeben hat. Jeder Studierende muss seine eigenen Ressourcen und sein eigenes Tempo kennen. Es wird immer jemand geben, der dich überholt. Vincent van Gogh war auch nicht vom ersten Pinselstrich an ein Meister der Kunst. Viele seiner ersten Arbeiten wurden von zeitgenössischen Kunstakademikern in weitem Masse übertroffen. Und auch wenn man beim ersten Anlauf im Assessment durchgefallen ist, obwohl es 60% der anderen geschafft haben, heisst das noch lange nicht, dass man es nicht weiter im Leben als andere bringt. Im Gegenteil – versagt hat man erst, wenn man aufgibt. Dies bestätigt auch Fabienne Schnellmann gegenüber Girls Drive: „Im Nachhinein kann ich sagen, dass es mich gestärkt hat und ich viel daraus gelernt habe und es mir gut getan hat, dass ich das Assessmentjahr nochmals wiederholt habe. Misserfolge machen eine Person definitiv stärker, auch wenn das im ersten Moment schwierig zu verstehen und zu glauben ist.“
Selbstverständlich kann man den Druck in der Universität auch als gute Vorbereitung für das Berufsleben sehen, wie Christina Kuenzle weiter ausführt. Auch Fabienne Schnellmann findet, dass „es lebenslänglich Druck von innen und aussen gibt. Möglicherweise wird er mit dem Alter noch stärker, weil man auch mehr Verantwortung trägt.“ Aber jeder von uns entscheidet selbst, wie viel Last erziehen will, um vorwärts zu kommen. Alles hat seine Grenzen. Und schliesslich führen viele Wege zum Ziel oder besser gesagt: Der Weg ist das Ziel.

 

Wie wir unsere Chancen auf Erfolg erhöhen
Doch wie kann man auf das Versagen vorbereitet sein, wenn es halt doch passiert? Jeder Normalsterbliche hat Angst zu versagen, doch die Kunst ist, sich von dieser Angst nicht blockieren zu lassen. Business und Execute Coach Christina Kuenzle schilderte uns eine Möglichkeit, wie man seiner Versagensangst entgegenkommen kann. Es ist wie beim Bergsteigen. Man geht Schritt für Schritt aufwärts und sichert sich so den Erfolg. Ganz wichtig ist, dass man dabei immer das Ziel vor Augen hat und dabei so locker wie möglich bleibt. Auf keinen Fall sollten wir risikolos durch das Leben gehen und stets bemüht sein, Katastrophen aus dem Weg zu gehen. Das wäre der falsche Ansatz. Nun – wie gehen Studierende konkret mit Misserfolg um? Einige suchen sich Hilfe bei den psychologischen Beratungsstellen an den Universitäten, wo ihnen kostenlos mit Rat und Tat zur Seite gestanden wird. Anderen wiederum helfen vielmehr beruhigende Worte von den Liebsten. Fabienne bringen Gespräche mit Familie und Freunden weiter, denn sie „stärken und helfen, sich wieder aufzuraffen und weiterzukämpfen“. Gemäss Jessica, Studentin Publizistik sechsten Semester Zürich, sollte man Rückschläge auf keinen Fall vor anderen verstecken, dies kostet nur unnötige Energie. Deshalb sollte man ganz offen und locker mit dem Thema umgehen. Wichtig ist, dass man auf jeden Fall erforscht, wie es überhaupt zu einem schlechten Ergebnis gekommen ist und wie viel Stellenwert man einem Erfolg in diesem Bereich überhaupt einräumt. Marion meinte, es ist auch möglich, Abschied von seinem Ziel zu nehmen, wenn es nicht das richtige für einen ist. Ansonsten empfiehlt Marion, dass man sich bei einer Wiederholung der Herausforderung sich nicht von Selbstzweifeln an seinen Fähigkeiten auffressen lässt. Für Salome ist Organisation und Disziplin das A und O für ein optimales Bestehen im Studium. On the top spielt jedoch die Motivationskomponente die entscheidende Rolle. Studierst du, wo dein Herz lacht, kannst auch du die steinigsten Strassen bewältigen.

 

Zum Schluss hat uns Christina Kuenzle von choice ltd noch ein paar Hilfsmittel, wie wir unseren Chancen für Erfolg etwas näher kommen können:
»» Achte darauf, welche Bilder du in deinem Kopf entwickelst.
»» Konzipiere den Weg, wie du zu deinem Ziel kommst.
»» Gehe in kleinen Schritten auf dein Ziel zu, setze Meilensteine und feiere die Teilerfolge, wenn du einen solchen erreicht hast.
»» Bereite dich gut vor und lerne von denjenigen, die schon Erfolge hatten in diesem Bereich.
»» Hole häufig Feedback ein.
»» Baue Reserven ein, so dass du nicht dauernd „Auf die Kante nähst“.
»» Erwarte nicht zu viel, aber optimiere jeden Schritt auf deinem Weg. Agieren kannst du nur in der Gegenwart.
»» Achte darauf, dass du Spass und Sinn in deinem Leben hast. Reflexion hilft dabei.
»» Fokussiere systematisch auf das, was dir gut tut und dich stärkt, und eliminiere systematisch Energie- und Fröhlichkeitsfresser.
»» Sei dankbar für Unterstützung und unterstütze andere.
»» Stehe auch anderen Frauen mit Goodwill zur Seite – und sehe sie nicht als ständige und bedrohliche Konkurrentin.

 

Ist der Umgang mit Misserfolg eine Charakterfrage oder eine Geschlechterfrage?
Die Frage stellt sich, ob die Bewältigung von Misserfolgen eine Charakter- oder sogar eine Geschlechterfrage ist. In der Wissenschaft werden gerne gängige Stereotypisierungen bezüglich des Geschlechts vorgenommen. Demnach schreiben die Männer einen Erfolg ihren Fähigkeiten zu, während sie die Ursache ihres Misserfolges im Pech sehen. Bei Frauen verhält es sich genau umgekehrt: Ist die Frau erfolgreich, schreibt sie es dem Glück zu. Bei Misserfolg zweifelt sie an ihren eigenen Fähigkeiten. Diese differenzierte Ursachenzuschreibung hängt mit den traditionellen Rollenbildern zusammen und von den gesellschaftlichen Erwartungen ab, die an Frauen und Männer gerichtet sind. Marion erklärt dies so: „Erfährt eine Frau nicht viel Erfolg in ihrer Karriere, wird dies oft als weniger drastisch bewertet als bei Männern.“ Von Frauen wird geschlechterstereotypisch eine viel geringere Erfolgswahrscheinlichkeit erwartet als von Männern, so nach dem Motto: Frauen müssen beweisen, dass sie es können. Doch ein solcher Dualismus der Geschlechter scheint in der heutigen Zeit nicht mehr angebracht zu sein. In der Praxis gilt es sich möglichst schnell von diesen Geschlechterstereotypen zu verabschieden. Dies bestätigten auch alle Studentinnen, die mit Girls Drive im Gespräch waren. Carline, Studentin Publizistik sechstes Semester Zürich, findet, man soll sich von der klassischen Geschlechtertrennung endlich verabschieden: „Der angeblich starke Mann kann genauso sensibel auf Probleme reagieren wie Frauen. Ebenso ist es möglich, dass Frauen, die oftmals schwächer dargestellt werden, mehr Stärke haben, einen Misserfolg überhaupt einzugestehen.“ Es gibt kein typisch männliches Verhalten und kein typisch weibliches Verhalten im Umgang mit Erfolgen und Misserfolgen. Vielmehr scheint es eine Charakterfrage zu sein. Christina Kuenzle sieht klar einen Unterschied zwischen optimistischen und pessimistischen Menschen in Bezug auf das Bewältigen von Misserfolgen. Pessimistische Menschen stellen sich Horrorszenarien vor und wenn diese selbsterfüllende Prophezeiung schliesslich eintritt, sind sie am Boden zerstört und geben auf. Misserfolge haben viel mit den eigenen Gedanken oder, wie Christina Kuenzle es ausdrückt, mit „schönen und positiven Bildern im Hirn“ zu tun. Optimistische Menschen stellen sich gewünschte Zustände vor, als wären sie schon real. Falls nun ein Misserfolg eintritt, erkennen sie eine Abweichung von ihrem inneren Soll-Bild, sie suchen jedoch sofort eine Lösung, wie sie ihrem Ziel wieder näher kommen können. Die Kraft der Gedanken und inneren Bilder hat also eine enorme Wirkung auf unser Leben.

 

Gefallene Engel

Die unsichtb are Hand des Zufalls
Natürlich lässt sich leicht sagen, dass Misserfolge zum Leben gehören und einen stärken. Doch sind wir ehrlich: Die harten Momente der Niederlage können manchmal einfach nur grauenvoll sein. Beispielsweise wenn man zum zweiten Mal das Assessmentjahr nicht besteht und aus dem Studiengang fliegt. Es geht keineswegs um das Schönreden von Misserfolgen, vielmehr darum, den Blick dafür zu schärfen, dass wir erst verloren haben, wenn wir aufgegeben haben. Wenn wir nun ein Fazit aus dieser ganzen Geschichte ziehen müssten, würde es etwa so lauten: Sehe in jedem Misserfolg das Positive, denn du bekommst die Chance, es besser machen zu können. Lerne aus Rückschlägen und gehe weiter. Doch lass dich nicht von deinem Misserfolg leiten, genauso wenig aber von deinem Erfolg. Denn Misserfolg heisst nicht, dass du speziell schlecht bist und Erfolg heisst nicht, dass du speziell gut bist. Bleibe stets bescheiden. Vieles hat auch mit Glück und Pech zu tun, was wir nicht steuern können. Wir können Pech haben, wenn wir unser Bestes geben, aber auch Glück haben, wenn wir nicht unser Bestes geben, wie Christina Kuenzle im Gespräch mit Girls Drive sagte. Schlussendlich liegt der Schlüssel im persönlichen Erfolg in der Leidenschaft für das, was man tut!

 

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Text: Linda  Roniger

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