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Nov 21 • BLOG, GIRLS DRIVE WORLD • 1615 Views • Keine Kommentare zu RESTART

WIE ES IST, MIT 29 JAHREN NOCHMALS VON VORNE ANZUFANGEN

 

Nochmals mit der Ausbildung von vorne beginnen: Es ist fantastisch, es ist aufregend und es ist faszinierend! Wieso ich das so klar sagen kann? Nun, um diese Frage zu beantworten, muss ich ein wenig ausholen und eine Vorgeschichte erzählen.
Im Alter von 16 Jahren startete ich voller Neugier und Elan die Lehre zur kaufmännischen Angestellten. Der Lehrvertrag war damals bereits vor Monaten unterzeichnet worden, die Vorfreude dementsprechend riesig. Die Firma war ein renommierter Schweizer Schuhhersteller, was meine Erwartungen, in diesem spannenden Umfeld das KV zu machen, nur noch mehr steigerte. Die Freude wurde leider bereits nach drei Wochen jäh unterbrochen, als mir mitgeteilt wurde, dass die gesamte Buchhaltung ausgelagert werde und somit für mich, einen Lehrling, keine Arbeit mehr vorhanden war.

 

Was tun? Aufgeben? Mit Müh und Not fand ich eine Ersatzlehrstelle in der Baubranche. Ich lernte, den Kaffee nachzufüllen, erledigte einige Telefonate, durfte auf Baustellen das Klemmbrett halten und zu guter Letzt verfasste ich Offerten im sechsstelligen Bereich, welche viel mehr auf Kreativität fussten als auf wirklich erlerntem Können.
Fazit: Ich war frustriert, verstand nicht, wieso man einem motivierten Lehrling nichts beibringen wollte oder konnte. Nach unzähligen Gesprächen mit dem Lehrlingsamt und dem Betrieb zog ich die Konsequenz und brach die Lehre ab. Ich hatte mir diesen Schritt sehr gut überlegt, denn ich bin nicht jemand, der aufgibt, wenn es einmal nicht gerade rund läuft. Im Hinterkopf war trotzdem immer die Frage, ob denn Abbrechen gleich Aufgeben ist, oder eben doch nicht?


Unsere Gesellschaft ist der Meinung, dass ein begonnener Weg stets zu Ende gegangen werden muss. Der Plan A ist er einzige, ein Plan B kommt nicht in Frage. Es braucht Mut und Courage, auch einmal etwas Neues zu wagen, und den unbefriedigenden Weg zu verlassen: Ich habe mich dazu entschieden.

Da ich eine sehr lernbegierige und vielseitig interessierte Person bin, gab ich mir zwei Wochen Zeit, um herauszufinden, was ich werden will. Nach reiflicher Überlegung und Abwägen von Stärken und Schwächen kam ich zum Schluss, dass ich Physiotherapeutin werden wollte. Da ich aber weder eine Lehre noch eine Matura hatte, musste Plan B her.

So absolvierte ich zuerst den med. Masseur FA SRK, arbeitete ein Jahr lang in Gesundheitspraxen und in Wellnesshotels und ging letztendlich nach Stuttgart, um meinen Traum zu verwirklichen. Mit 22 Jahren war ich dann dipl. Physiotherapeutin und bildete mich auch gleich wieder weiter. Etliche Kurse und Spezialisierungen halfen mir, in äusserst spannenden und anspruchsvollen Praxen tätig zu sein.

Doch wie es so oft der Fall ist, holt einen die Vergangenheit ein und man fragt sich: „Wie wäre es gewesen, wenn ich…“

Die Angst war nie da, auf dem „Holzweg“ sein zu können, doch merkte ich, dass ich noch mehr wollte, obwohl meine Lebenslage mich gerade erfüllte. Klar, man kann sich fragen, wann gut gut genug ist, aber letztendlich ist es ein Gefühl, das einem sagt, dass du mehr willst und dass die momentane Lebenssituation nicht diejenige ist, in welcher du dich bis ans Lebensende befinden willst.
Das Interessante ist: Ich wusste bis vor 4 Jahren noch nicht, wohin mich der Weg führen wird, doch ich war mir immer im Klaren darüber, was ich ganz sicher nicht mehr tun wollte. Den Entscheid, die gymnasiale Matura neben einem körperlich und geistig fordernden Job zusätzlich zu machen, habe ich nie bereut. Diese Matura stellte die Weichen wieder auf Anfang und ich konnte völlig neu beginnen.

 

Um es auf den Punkt zu bringen: Ich bin jetzt an der Universität und ich geniesse die Zeit wirklich sehr. Viele von euch denken vielleicht: „Die spinnt doch, Uni ist Stress und die Vorlesungen um 8 Uhr sind doch menschenunwürdig und überhaupt.“ Und sie haben teilweise sogar recht: Es gibt Dinge, zu denen findet man nicht sofort den Bezug oder man schläft fast ein vor lauter Müdigkeit und lernen muss man ja auch noch und so weiter und so weiter. Aber ich geniesse es wirklich, weil ich weiss, was für ein Privileg es ist, an einer Universität zu studieren.

Zudem gehe ich mit konkreten Vorstellungen und Ideen in die Vorlesungen. Niemals wird das Gefühl in Vergessenheit geraten, als ich zum 1. Mal in der BWL-Vorlesung endlich Antworten zu meinen Fragen erhielt.

 

Und dann kommt die Zeit ins Spiel: Zeit ist so etwas Wertvolles und wir haben verlernt, damit optimal zu haushalten. Als ich noch zu 100 % in einer Sportphysiopraxis angestellt war, arbeitete ich teilweise von morgens um 7 Uhr bis abends um 21 Uhr. Es gab zwar eine halbe Stunde Mittagspause, aber in dieser wurden meistens noch Telefone entgegengenommen. Im Gegensatz dazu ist es an der Uni eigentlich richtig entspannt. Wir haben alle 45 Minuten eine Pause, manchmal etwas mehr, manchmal etwas weniger: Trotzdem sind wir dauergestresst. Ich muss mich selber immer wieder daran erinnern, dass das jedoch nichts ist im Gegensatz zu dem Arbeitsalltag, den ich bis anhin hatte: eine Doppelbelastung, genährt aus 3.5 Jahren gymnasialer Matura und Arbeiten am Patienten.
Also ja, ich geniesse es wirklich!

Die Kehrseite von der Medaille ist natürlich aber auch, dass ich mir bereits sehr viel aufgebaut habe und dies alles zurücklassen muss. Wenn man einmal einen gewissen Standard aufgebaut hat, ist es zu Beginn nicht leicht, den einfach so hinter sich zu lassen. Es bedeutet also nicht nur Freude und Spass an Neuem, sondern auch ein Verzicht auf lange Zeit!

 Aber alles das bin ich bereit, auf mich zu nehmen, um meinen Traum, eine erfolgreiche Unternehmerin zu werden, zu erreichen.

 

Wenn ich eines mit Sicherheit sagen kann, dann dies: Wenn du etwas wirklich willst, wirst du es auch erreichen, aber du musst bereit sein, die Konsequenzen dafür zu tragen. Und mag eine Situation noch so aussichtlos sein, dann wird es immer einen Weg geben, wieder neuen Mut zu schöpfen. Ohne hier ins Biblische abdriften zu wollen: Das Motto „Wer sät, wird ernten“ passt für meine Lebenslage sehr gut. Es lohnt sich, in die Bildung und in die eigene Weiterentwicklung zu investieren, denn jeder Schritt, sei es ein noch so kleiner, bringt dich immer ein kleines Stück weiter zu deinem Lebenstraum.

 

Text und Fotos: Anita Christina Rossé

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