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VORSTELLUNGSGESPÄRCH – WER FRAGT, FÜHRT!

Jan 23 • Allgemein, ARBEITEN, BLOG, INTERVIEWS, Karriere, RATGEBER • 2544 Views • Keine Kommentare zu VORSTELLUNGSGESPÄRCH – WER FRAGT, FÜHRT!

Nun, man könnte meinen, jeder halbwegs intelligente und mit einer Kinderstube und etwas Gehirn versehene Mensch mit Ambitionen wüsste, wie man sich in einem Vorstellungsgespräch zu verhalten hat. Doch weit gefehlt! Man hört immer wieder die wildesten Stories, sei es bei einem Jobinterview für ein Praktikum oder eine Top-Management-Position. Deshalb schauen wir mal, was sich in der Trickkiste der Personalverantwortlichen so befindet – und welche Fehler offenbar immer wieder gemacht werden. Wir sprachen mit Christoph Huber, Head Corporate Human Resources beim Energiekonzern Axpo, der auf 25 Jahre Erfahrung in diesem Bereich zurückblicken kann.

Girls Drive: Herr Huber, eigentlich kennt jeder Dos & Don’ts. Was ist Ihnen in den letzten 25 Jahren dennoch alles widerfahren?

Christoph Huber: Es gibt fast alles – es kommen Leute zu spät oder gar nicht zum vereinbarten Gespräch, ohne sich abzumelden. Oder man spürt keine nennenswerte Motivation. Häufig hatte ich auch Personen im Interview, die nicht mal über ihre Erfahrungen berichten konnten. Wenn mein Gegenüber kaum was zu erzählen hat, kann ich ihn auch nicht bewerten.

Was wollen Sie denn hören?

Nun, ich möchte, dass mein Gegenüber reflektiert und vorbereitet ist. Ich möchte spüren, dass da jemand mit Zielen, Ambitionen und Erfahrungen sitzt – das ist absolut zentral. Das gilt für alle Hierarchie-Stufen. Auch ein Praktikant hat Erfahrungen aus der Schule, aus seinem Privatleben, seinen Hobbies. Und davon sollte man in einem Vorstellungsgespräch erzählen.

Was sind die schlimmsten Fehler bezüglich Outfit, die Ihnen begegnet sind – speziell von Frauen?

Grundsätzlich gilt: Wer authentisch ist, kann nur gewinnen. Man spürt sehr schnell, ob jemand verkleidet ist oder ob der Gesamteindruck rund und stimmig ist. Es ist wichtig, echt zu sein. Sich treu zu sein. Aber klar ist auch: Wer sich für einen Job bewirbt, der einen gewissen Dresscode nach sich zieht, sollte auch im Vorstellungsgespräch entsprechend erscheinen. Wenn ich einen Mitarbeiter fürs Lager suche, möchte ich indes auch niemanden im Nadelstreifenanzug
sehen. Bezüglich Frauen … nun, da ist es sicher geboten, sich nicht zu offensiv anzuziehen. Understatement und Zurückhaltung ist bezüglich Outfits immer das Beste.

Gibt es tatsächlich Frauen, die im superkurzen Mini-Jupe und mit feuerrotem Nagellack zu Ihnen ins Vorstellungsgespräch kommen?

Ja, das gibt es! Ich glaube bzw. empfehle: Kleidung soll die Persönlichkeit unterstreichen, aber keinesfalls dominieren. Man muss sich einfach gewahr sein, welche Signale man setzt. Die Gefahr der Überbetonung des Äusseren besteht. Viel wichtiger als das Outfit sind: Wissen, Persönlichkeit, Fähigkeiten.

Wie reagieren Sie, wenn Sie merken, dass sich jemand schlecht vorbereitet hat, beispielsweise zu wenig übers Unternehmen weiss?

Direkt reagiere ich nicht darauf – aber man bewertet dies am Schluss. Was indessen ebenso wichtig ist: Stellen Sie Fragen! Wer fragt, führt, heisst es auch. In Jobinterviews sollte man Fragen übers Unternehmen, seine künftige Tätigkeit und dergleichen stellen. So spüre ich als HR-Verantwortlicher, wie motiviert jemand ist – und wie dynamisch, intellektuell reflektiert oder passioniert.

Und wie überzeugt darf man von sich sein bei einem Vorstellungsgespräch? Vor allem als Frau?

Das Wort selbstbewusst mit Betonung auf „bewusst“ ist das Zauberwort. Wenn jemand ständig nur von Stärken spricht oder selbstherrlich auftritt, wird jeder Personalverantwortliche analytisch vorgehen und diese Aussagen eingehend
prüfen sowie nach Evidenzen suchen. Wichtig ist, dass sich jemand sehr differenziert äussert, über sich nachgedacht hat, seine Stärken und Schwächen mit Belegen untermauern kann. Machen Sie greifbar, was Sie zum Unternehmen beitragen können, was Sie in diesem Job tun und bewegen wollen. Betonen Sie durchaus Ihre Stärken, das ist opportun. Wenn Sie von sich behaupten wollen, dass Sie innovativ sind, müssen Sie auch erzählen können, in welchen Situationen sich dies gezeigt hat, was ihre Rolle dabei war, wie sich die Wirkung Ihrer Idee bemerkbar machte im Unternehmen, auf welchen Feedbacks von Kunden und Kollegen dies gründet, wie Sie Problemstellungen angehen und Widerstände überwinden.

Inwiefern achten Sie auch auf Körpersprache? Was missfällt Ihnen da am meisten?

Das ist etwas, das nur sekundär über die Ratio verarbeitet wird. Wenn ich eine extrovertierte Person gegenüber habe, darf die Körpersprache auch sehr lebhaft sein. Auch hier ist das „echt sein“ wichtig und dies beurteile ich über die authentische Geschlossenheit zwischen den Aussagen und der Körpersprache einer Person. Man spürt schnell, ob man gerade ein Schauspiel betrachtet oder nicht. Ein wichtiger Tipp ist indes: Augenkontakt! Und kommunikative Zeichen.
Das heisst: Setzen Sie also Rückkopplungen im Gespräch, zeigen Sie dem HR-Verantwortlichen, dass Sie beispielsweise eine Frage verstanden haben. Zeigen Sie, dass Sie präsent sind.

Bewerten Sie alles nach rationalen Kriterien?

Nein, durchaus nicht. Man kann sich dem ersten Eindruck nicht entziehen. Das ist etwas zutiefst Menschliches! Ich lasse mir Zeit und wäge meine Eindrücke kritisch ab – und frage mich, wo haben wir Evidenzen in der Beurteilung  gefunden, wo kritische Punkte und wo bleiben Fragen offen.
Wie kann man Sie denn beeindrucken in einem Vorstellungsgespräch?

Wenn man sich auf eine Diskussion einlässt und man spürt, wie passioniert jemand ist, wie praxisnah. Wie persönlich und fundiert argumentiert jemand? Das beeindruckt mich. Und wenn ich noch einen letzten Tipp anfügen darf: Wer eine Chance hat, Praxiserfahrungen zu sammeln, unbedingt nutzen! Dies öffnet auch Türen. Ein tolles Studium und gute Noten sind nur die halbe Miete. Wenn Sie die Chance haben, in der Praxis zu zeigen, was Sie draufhaben und man    Sie in Aktion sehen kann, wirkt dieser Eindruck sehr viel prägender als ein „perfektes“ Vorstellungsgespräch.

 

Waren diese Tipps für dich hilfreich? Was möchtest du noch wissen, um welche Tipps und Tricks wärst du dankbar?
Schreib uns an redaktion@girlsdrive.ch

 

Interview von Sandra-Stella Triebl, Mitarbeit Linda Roniger. Bearbeitet von Isabel Steinhoff

Bild: Orin Zebest, flickr CC, unverändert übernommen

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